Leben und Sterben in Oberfranken


Das fränkische Fichtelgebirge ist ein Ort, an den sich große Literatur selten hin verirrt. Der Erlanger Autor Tommie Goerz macht nun ebenjenen Landstrich zum Schauplatz seines ebenso ruhigen wie berührenden Romans Im Schnee, der nun in einer exklusiv von Sebastian Rether illustrierten Ausgabe zu entdecken ist.

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Leise rieselt der Schnee in Tommie Goerz‘ Roman mit dem treffenden Titel Im Schnee, der sich über das Dorf Austhal im Fichtelgebirge legt. Dort, im Norden Frankens, lebt Max allein in seinem Haus und stemmt sich dem Winter entgegen. Während draußen die Flocken fallen, besieht Max sein Leben und den Verlust, den er jüngst erlitten hat. Sein bester Freund Schorsch ist tot, gestorben nach vielen Jahrzehnten, die er mit Max geteilt hat. Doch nicht nur sein Freund ist nicht mehr – auch das Dorf, in dem Max seit seiner Geburt lebt, stirbt langsam vor sich hin. Gerade noch dreimal am Tag hält der Zug am einzigen Bahnsteig, die Gastwirtschaft wird nur selten aufgesperrt. Die Zugezogenen interessieren sich nicht für die Alteingesessenen – und umgekehrt. Und so ist es nun an Max, sich zu erinnern an sein Leben im Dorf. Daraus wird bei Goerz ein Rückblick, der sich Stück für Stück vor den Leser:innen entfaltet. Dabei wird klar, dass Max‘ Dasein in Austhal keinesfalls nur idyllisch war, es aber auch kein anderes Leben für ihn hätte geben können.

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Wie zarte Flocken: Fein strukturierter Einband

Stilistisch vollendet erzählt Tommie Goerz in seinem Roman Im Schnee von den Verlusten, die den Menschen und dem Landleben in Franken, aber auch in vielen anderen Landstrichen drohen. Ein einziger Tag bildet dabei den Rahmen der Handlung. Diesen Tag füllt Goerz mit der ganzen Fülle von Max‘ Erinnerungen und zudem erzählt er die bewegte Geschichte seines fiktiven Dorfs Austhal.

Manche rief man hier noch nach ihren Höfen, egal wie ihre Namen waren. Wenn man aus dem Dorf war, wusste man Bescheid, und wenn nicht, ging es einen auch nichts an.

Aus: Im Schnee

Die besondere Männerfreundschaft mit Schorsch ist ebenso Thema wie das Wissen um kulturelles Erbe und um Bräuche, die drohen langsam in Vergessenheit zu geraten. In Im Schnee lebt all das auf, von der geläuteten Totenglocke bis hin zur Tradition der Totenwache, die die verbliebenen alten Dorfbewohner noch immer ableisten, wenn sie am Bett des Verstorbenen zusammenkommen und der Toten gedenken. Goerz’ Roman funktioniert so als ruhiges Porträt, das eine Welt konserviert, die an vielen Orten im Begriff ist zu verschwinden, wenn sie nicht gar schon aufgehört hat zu existieren. Zudem ist das Buch auch ein Dorfroman, und das, ganz ohne der Gefahr von Weichzeichnung und Verklärung des dörflichen Lebens zu erliegen.

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Schroff und liebevoll zugleich blickt Goerz auf seine Welt und die darin beheimateten Figuren. Der zuvor mit Regionalkrimis in Erscheinung getretene Autor erweist sich in diesem Roman als Erzähler, dessen ruhige Präzision an die Schreibweise eines Robert Seethaler erinnert. 

In Sebastian Rether findet der Roman einen kongenialen Spielpartner, der mit seinen minimalistischen Illustrationen mit markantem schwarzem Strich die Stimmung zusätzlich verstärkt, sodass Im Schnee eine unvergessliche Hymne auf das Sterben, aber auch auf das Leben und das Erinnern von Vergangenem wird.

 

Marius Müller freut sich als gebürtiger Oberfranke über Tommie Goerz’ erzählerischen Ansatz, Franken literarisch endlich angemessen zu würdigen. Auf Buch-Haltung.com schreibt der Bibliothekar über seine sonstigen Lektüre.

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Der Autor

Tommie Goerz, geboren in Erlangen, machte sich über Jahre als mehrfach ausgezeichneter Krimiautor einen Namen. Sein literarisches Debüt Im Tal (2023) wurde von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen. Goerz war Langzeitstudent, Hüttenwirt, Automatenwart und Schallplattenvertreter, Lehrbeauftragter, Almknecht, erfolgreicher Werber und mehr. Er lebt in Erlangen.


Der Illustrator

Sebastian Rether, geboren 1985, zeichnet für Magazine, Designagenturen und Unternehmen. Bei der Büchergilde erschien seine Graphic Novel Foc – Feuer, die 2017 von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet wurde. Er lebt und arbeitet in Hamburg.


Künstlerdrucke von Sebastian Rether


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