Die Sprache des Krieges


Die Nulllinie ist ein Roman nicht über den Krieg, sondern aus dem Krieg. Authentisch und ungeschönt erzählt der preisgekrönte polnische Autor Szczepan Twardoch vom Alltag an der ukrainischen Front, an die er selbst wiederholt reiste. Ein erschütterndes Zeugnis von Gewalt, Überlebenswillen und, trotz allem, Menschlichkeit.

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Der Soldat Koń sitzt in einer Grube am „schlechten Ufer“ des Dnipro. Die Grube war mal ein Keller, damals, als hier noch Häuser standen und Menschen lebten – was gar nicht so lange her ist, aber in einer anderen Welt, in einem anderen Leben gewesen zu sein scheint. Für den Kontakt mit der Außenwelt gibt es nur ein altes Funkgerät, die Internetverbindung ist tot, seit die Russen den Starlink zerschossen haben. Ab und an wirft eine Drohne ein Päckchen mit Fertigessen aus den Beständen der US-Armee ab. Dann muss Koń aus dem Loch kriechen, über den Boden robben und die wenig appetitliche Mahlzeit einsammeln, schnell, bevor die Russen ihn mit der Wärmebildkamera entdecken und erschießen könnten.

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Koń hätte nicht kämpfen müssen in diesem Krieg. Er ist polnischer Staatsbürger, lebte bis vor Kurzem in einer Wohnung voller Bücher in Warschau, aber „irgendwie“, sagt er, sei er auch Ukrainer. Sein Großvater kam aus Galizien, der historischen Landschaft, die den Süden Polens und den Westen der Ukraine verbindet. Die komplexen Identitäten und Herkünfte derjenigen, die in diesem Krieg auf beiden Seiten kämpfen, sind immer wieder Thema in Szczepan Twardochs Roman Die Nulllinie. Doch im Mittelpunkt steht etwas anderes: Auf welch umfassende, brutale Weise der Krieg das Leben Einzelner über den Haufen wirft, wie er unbedeutend werden lässt, was man einst für das Wichtigste auf der Welt gehalten hat.

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Der Roman begleitet Koń und seine Kameraden wenige Tage lang bei ihrem Alltag an der Front. Rückblicke auf ihr früheres Leben und philosophische Überlegungen – in denen Koń zum Beispiel gedankliche Parallelen zum Peloponnesischen Krieg zieht – verknüpft Twardoch dabei geschickt mit der Profanität des Alltags, dem nackten Überleben. Man lernt beim Lesen: An der Front zu sein bedeutet oft auch, abzuwarten, auszuharren, in Gedankenspiralen zu versinken, um im nächsten Moment blitzschnell Gefahren einzuschätzen und reagieren zu müssen. Im Krieg lernt man, die Geschosse am Klang zu unterscheiden – aber lernt man auch, trotz allem in den Gegnern noch Menschen zu sehen? Vor diese Frage werden Koń und seine Kameraden gestellt, als ihnen ein kaum zwanzigjähriger verletzter Soldat, ein Burjate aus Russlands fernem Osten, gegenübersteht. Wohin mit einem Gefangenen, der versorgt werden muss, hier, in einem Loch am schlechten Ufer des Dnipro, über den schon lange keine Boote mehr fahren? Nicht alle haben darauf die gleiche Antwort.

Nicht Zerstörung war dein Ziel, nicht töten wolltest du, dürstetest nicht nach Gewalt, Koń, du wolltest etwas aufbauen gegen die Zerstörung, wolltest das Leben vor dem Tod schützen, auch wenn dieser Impuls dir selbst reichlich naiv vorkam.

Aus: Die Nulllinie

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Szczepan Twardoch, der als die herausragende Stimme der polnischen Gegenwartsliteratur gilt, katapultiert seine Leser:innen mitten hinein in diese brutale Welt. Schonungslos und ungefiltert erlebt man den Schrecken des Krieges in jeder Zeile mit. Nichts wird beschönigt, weder Missstände in der ukrainischen Armee noch die Verrohung und die gewöhnungsbedürftige Sprache der Soldaten, die zum großen Teil aus Flüchen und militärischen Abkürzungen besteht – und vom renommierten Übersetzer und Osteuropa-Experten Olaf Kühl souverän ins Deutsche übertragen wurde. Twardoch stilisiert die ukrainischen Soldaten nicht zu Helden und setzt ihnen trotzdem ein würdiges Denkmal. Die Nulllinie, nominiert für den Spiegel-Buchpreis, ist in jeder Hinsicht ein intensives Leseerlebnis – und eine kraftvolle Mahnung.

 

Norma Schneider ist freie Lektorin, Journalistin und Sachbuchautorin. Sie lebt in Frankfurt am Main und liest am liebsten Bücher aus Osteuropa.

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Der Autor

Szczepan Twardoch, geboren 1979 in Zernica, Polen, ist einer der herausragenden Autoren der Gegenwartsliteratur. Seine Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, zum Teil verfilmt. Für den Roman Drach wurden der Autor und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Preis geehrt, 2019 erhielt Twardoch den Samuel-Bogumił-Linde-Preis, 2025 den Usedomer Literaturpreis. Zuletzt erschienen die Romane Demut und Kälte. Twardoch lebt mit seiner Familie in Pilchowice/Schlesien.


Der Übersetzer

Olaf Kühl, geboren 1955, studierte Slawistik, Osteuropäische Geschichte und Zeitgeschichte und arbeitete lange Jahre als Osteuropareferent für die Regierenden Bürgermeister von Berlin. Er ist Autor und einer der wichtigsten Übersetzer aus dem Polnischen und Russischen, u. a. wurde er mit dem Karl-Dedecius-Preis und dem Brücke Berlin Preis ausgezeichnet.


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