Hoffnung an einem hoffnungslosen Ort


Lob von höchster Stelle: „Es ist wirklich eines der besten Bücher, die ich in meinem ganzen Leben gelesen habe“, sagte Oprah Winfrey über Ocean Vuongs Der Kaiser der Freude. Und tatsächlich gelingt dem vietnamesisch-US-amerikanischen Autor mit seinem zweiten Roman eine zutiefst menschliche und hoffnungsvolle Geschichte an einem Ort, an dem man sie nicht erwarten würde.

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Hai und Grazina könnten unterschiedlicher nicht sein. Er, ein queerer vietnamesischer Junge, der Tabletten einwirft und es nicht übers Herz bringt, seiner Mutter zu beichten, dass er nicht in Boston Medizin studiert. Sie, eine demenzkranke Frau aus Litauen, die als letzte Bewohnerin in einer längst verlassenen Straße lebt und am liebsten Salisbury Steak von Stouffer’s isst. In Ocean Vuongs neuem Roman Der Kaiser der Freude treffen beide entgegen jeder Wahrscheinlichkeit zusammen – zum Glück! Nachdem Grazina Hai in einer aussichtslosen Lage vor dem Sprung von einer Brücke bewahrt hat, schlägt sie ihm vor, bei ihr einzuziehen und ihr Gesellschaft zu leisten. Hai stimmt zu, auch in Ermangelung besserer Möglichkeiten. Kurz zuvor ist er aus einer Entzugseinrichtung entlassen worden und hat nichts von dem erreicht, was sich seine hart arbeitende Mutter für ihn erhofft. Also hat er sie angelogen, um sie nicht zu enttäuschen.

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Ocean Vuong, selbst Kind vietnamesischer Immigrant:innen und mehrfach ausgezeichnet für seinen weltweit gefeierten Debütroman Auf Erden sind wir kurz grandios wie auch für seine Lyrik, verarbeitet in Der Kaiser der Freude nicht nur eigene Erfahrungen – so übernachtete er knapp zwei Wochen in der New Yorker Penn Station, weil er seiner Mutter nicht sagen wollte, dass er das College abgebrochen hatte. Er erschafft in der fiktiven, in Connecticut verorteten Kleinstadt East Gladness einen Mikrokosmos scheinbar gescheiterter Menschen, die die Hoffnung auf etwas Besseres und Größeres trotz allem nicht verloren haben.

Am Leben zu sein und zu versuchen, ein anständiger Mensch zu sein und nichts Großes oder Gewaltiges daraus zu machen, das ist das Allerschwerste.

Aus: Der Kaiser der Freude

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Um Grazina und sich selbst finanziell über die Runden zu bringen, heuert Hai in einem Fast-Food-Restaurant an, in dem auch sein autistischer Cousin Sony arbeitet. Während dieser alles weiß, was es über den amerikanischen Bürgerkrieg zu wissen gibt, träumt Filialleiterin BJ von einer Wrestling-Karriere. Alle Mitarbeiter:innen sind vom Leben nicht gerade reich beschenkt worden, und doch bilden sie für die Dauer eines erzählten Jahres eine feste Einheit. In einem Interview sagt Ocean Vuong selbst, ihn interessiere weniger der Amerikanische Traum als die Menschen, die träumen. In Der Kaiser der Freude hat er ihnen ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt.

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Besonders berührend ist die Freundschaft zwischen Hai und Grazina, die von ihrer fortschreitenden Demenz immer wieder auf die Probe gestellt wird. Für Grazina, die einst vor Stalin geflohen ist, werden die Zeitebenen zunehmend brüchig und durchlässig. Man spürt die Tiefe und Aufrichtigkeit in der Beziehung dieser Figuren, die von realen Erfahrungen mit der Großmutter von Vuongs Ehemann inspiriert ist. Ocean Vuong beweist in seinem zweiten Roman erneut nicht nur ein herausragendes Talent für poetische Sprache, sondern auch seine Liebe zu Außenseitern und vermeintlichen Randfiguren der Gesellschaft. Und obwohl er sie in all ihren Eigenarten und ihrer Unvollkommenheit zeigt, führt er sie nie vor. Dieser Blick auf Menschen und ihre Träume ist es auch, der diesen Roman zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis macht!

 

Sophie Weigand ist gelernte Buchhändlerin und Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt in Lübeck, arbeitet als freie Redakteurin und bloggt auf literaturematters.de.


Der Autor

Ocean Vuong, geboren 1988 in Saigon, Vietnam, zog im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie in die USA, wo er heute lebt. Für seine Lyrik wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Whiting Award for Poetry (2016) und dem T.S. Eliot Prize (2017). Bei der Büchergilde erschien bereits sein Debütroman Auf Erden sind wir kurz grandios (2020), für den er mit dem American Book Award ausgezeichnet wurde.


Die Übersetzer:innen

Nikolaus Stingl, geboren 1952, übersetzte u. a. William H. Gass, Ben Lerner, Thomas Pynchon, Colson Whitehead und Emma Cline und wurde mit mehreren Übersetzerpreisen ausgezeichnet.

Anne Mittag ist Lektorin für internationale Literatur bei einem Münchner Verlag. Sie übersetzte u.a. Robin Robertson, Naoise Dolan und Patricia Lockwood.


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